Infos zum Förderschwerpunkt Sehen

Sehen ist mehr als gutes Augenlicht – es bedeutet Wahrnehmen, Verstehen und Orientierung in der Welt. Kinder und Jugendliche mit einer Sehbeeinträchtigung benötigen dabei besondere Unterstützung. Erfahren Sie, was den Förderschwerpunkt Sehen ausmacht und wie die LVR-Johannes-Kepler-Schule Kinder mit unterschiedlichen Formen von Sehbeeinträchtigungen begleitet und fördert.

Nahaufnahme eines Auges

Förderschwerpunkt Sehen an der LVR-Johannes-Kepler-Schule

Leben und Lernen mit einer Sehbeeinträchtigung kommt eher selten vor – und zeigt sich bei jedem Menschen anders. Wie stark das Sehen beeinträchtigt ist, welche Bereiche betroffen sind und wie sich dies auf Lernen und Alltag auswirkt, hängt von vielen Faktoren ab. Dazu gehören etwa der Zeitpunkt, an dem die Beeinträchtigung eintritt, die Art der Augenerkrankung und die persönlichen Strategien im Umgang damit.

Wir begleiten Kinder mit Sehbeeinträchtigung, Blindheit oder Beeinträchtigungen in der visuellen Wahrnehmungsverarbeitung (zum Beispiel CVI=Cerebrale Visuelle Informationsverarbeitungsstörung) sowie Kinder, die nach einem individuellen Lehrplan (zieldifferent) unterrichtet werden, auf ihrem schulischen Weg.

Unser Ziel als LVR-Johannes-Kepler-Schule ist es, barrierefreie Teilhabe an Entwicklungs- und Lernprozessen zu ermöglichen – individuell, flexibel und kreativ. Wir gestalten unsere Förderung in einem großen Netzwerk aus Schulen, Kindergärten, medizinischen und therapeutischen Einrichtungen sowie Familien – immer dort, wo Kinder und Jugendliche mit einer Sehbeeinträchtigung leben und lernen.

Wir gestalten die barrierefreie Teilhabe an Entwicklungs- & Lernprozessen für sehbeeinträchtigte Kinder & Jugendliche.
Teamfoto: Annette Runge

Annette Runge

Schulleiterin

Was bedeutet der Förderschwerpunkt Sehen?

Der Förderschwerpunkt Sehen unterstützt alle Kinder und Jugendlichen, deren Sehvermögen so eingeschränkt ist, dass sie in ihrem Lernen, in ihrer Mobilität und in der Orientierung besondere Unterstützung benötigen.

Dabei reicht das Spektrum von starker Sehbeeinträchtigung bis hin zur Blindheit. Unsere pädagogische Arbeit orientiert sich an den individuellen Voraussetzungen jedes Kindes. Wir fördern gezielt:

  • visuelle Wahrnehmung und Orientierung,

  • den Einsatz von optischen Hilfsmitteln (zum Beispiel Lupen, Vergrößerungssysteme, digitale Geräte)

  • Mobilitätstraining und Lebenspraxis

  • individuelle Lernstrategien

  • die Selbstständigkeit im Alltag und Unterricht

Wissenswertes zum Nachteilsausgleich

In diesem YouTube-Video erklären wir Ihnen, was genau der Nachteilsausgleich im Förderschwerpunkt Sehen bedeutet.:

Mögliche Augenerkrankungen und Sehbeeinträchtigungen

Sehbeeinträchtigungen können durch sehr unterschiedliche Ursachen entstehen. Manche Kinder sind bereits mit einer Sehschwäche geboren, andere verlieren später durch Krankheit oder Unfall einen Teil ihres Sehvermögens.

Hier ein Überblick über häufige Formen und Ursachen von Sehbeeinträchtigungen:

Fehlsichtigkeiten

  • Kurzsichtigkeit (Myopie): Weit entfernte Dinge erscheinen unscharf.

  • Weitsichtigkeit (Hyperopie): Nahe Dinge werden verschwommen wahrgenommen.

  • Stabsichtigkeit (Astigmatismus): Verzerrtes oder verschwommenes Sehen durch ungleichmäßig gekrümmte Hornhaut.

Diese Fehlsichtigkeiten können in der Regel mit Brillen oder Kontaktlinsen ausgeglichen werden.

Schielen (Strabismus)

Beim Schielen sind die Augen nicht auf denselben Punkt gerichtet. Dadurch kann das räumliche Sehen beeinträchtigt sein oder das Gehirn unterdrückt das Bild eines Auges. Eine frühzeitige Behandlung – oft durch Orthoptist*innen – ist wichtig, um eine dauerhafte Schwachsichtigkeit zu vermeiden.

Amblyopie (Schwachsichtigkeit)

Eine Amblyopie entsteht meist im Kindesalter, wenn das Gehirn lernt, die Seheindrücke eines Auges zu unterdrücken. Das Auge selbst ist dabei gesund, das Sehen aber dauerhaft eingeschränkt. Eine Behandlung sollte möglichst früh erfolgen.

Erkrankungen der Netzhaut oder des Sehnervs

  • Netzhautdystrophien (zum Beispiel Retinitis pigmentosa): führen zu zunehmender Einschränkung des Gesichtsfelds.

  • Albinismus: kann Blendempfindlichkeit und reduziertes Sehen verursachen.

  • Optikusatrophie: eine Schädigung des Sehnervs, die das Sehen dauerhaft beeinträchtigt.

Blindheit

Blindheit kann angeboren oder erworben sein. Manche blinde Menschen können noch Hell-Dunkel-Kontraste oder Umrisse wahrnehmen ("Restsehen"). Förderung, Orientierungstraining und technische Hilfsmittel ermöglichen ihnen eine aktive Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.

Neurologisch bedingte Sehstörungen (CVI/VVWS)

Auch wenn die Augen selbst gesund sind, kann die Verarbeitung der visuellen Eindrücke im Gehirn gestört sein. Diese Form der Sehstörung wird als CVI (Cerebrale visuelle Informationsverarbeitungsstörung) oder VVWS (Visuelle Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung) bezeichnet. Mehr Informationen dazu finden Sie im folgenden Abschnitt.

Praxistipp: Kindern mit Sehbeeinträchtigung vorlesen

Sehen Sie im Video, wie Sie Bilderbücher für Kinder mit Sehbeeinträchtigung adaptieren und kontrastreicher gestalten können.

CVI/VVWS – die unsichtbare Sehstörung

Neben den klassischen Sehbeeinträchtigungen gibt es auch neurologisch bedingte Störungen der visuellen Informationsverarbeitung. Diese werden als CVI (Cerebrale visuelle Informationsverarbeitungsstörung) oder VVWS (Visuelle Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung) bezeichnet.

Kinder mit CVI/VVWS haben ein normales Sehorgan, jedoch Schwierigkeiten, die übermittelten Seheindrücke im Gehirn zu verarbeiten. Auch bei unauffälligem augenärztlichen Befund oder trotz Brille kann das Sehen stark eingeschränkt sein.

Schätzungen zufolge sind mindestens drei Prozent aller Schüler*innen an allgemeinen Schulen betroffen. Typische Auffälligkeiten können sein:

  • häufiges Stolpern oder "Tollpatschigkeit"

  • ein unruhiges oder schwer lesbares Schriftbild

  • Probleme beim Zeichnen, Basteln oder Lesen

  • Schwierigkeiten, sich im Raum oder im Schulhaus zu orientieren

  • auffälliges Lern-, Arbeits- oder Sozialverhalten

  • schnelle visuelle Ermüdung, Kopfschmerzen oder Augenreiben

Wenn mehrere dieser Anzeichen auftreten, sollte das Kind zunächst in einer Augenarztpraxis mit Orthoptist*in vorgestellt werden. Bleiben die Auffälligkeiten bestehen, kann eine pädagogisch-orthoptische Sehüberprüfung an einer Förderschule mit dem Förderschwerpunkt Sehen erfolgen.

Sehüberprüfung und Beratung

An der LVR-Johannes-Kepler-Schule in Aachen und der LVR-Louis-Braille-Schule in Düren bieten wir Überprüfungen des funktionalen Sehens und der visuellen Wahrnehmung an. Diese beinhalten standardisierte Testverfahren und Beobachtungen durch ein Team aus Sonderpädagog*innen und einer Orthoptistin. Die Überprüfung ist rezeptfrei und kostenlos.

Im Anschluss erhalten Eltern und Lehrkräfte eine ausführliche Auswertung mit Förderempfehlungen für Schule und Alltag.

Kontakt für Terminvereinbarung:

  • LVR-Johannes-Kepler-Schule Aachen – Sekretariat, Telefon: 0241 93828-201

  • LVR-Louis-Braille-Schule Düren – Sekretariat, Telefon: 02421 40782-200

Je nach Wohnort richtet sich die Zuständigkeit nach dem Schulzuständigkeitsbereich.

Interdisziplinäre Diagnostik

Da es für CVI/VVWS bislang keine eigene ICD-Diagnose und keine einheitliche Definition gibt, kann eine weiterführende medizinische Abklärung sinnvoll sein. Hierfür bietet beispielsweise die Sozialpädiatrische Sehambulanz (SOPSA) in Mainz spezialisierte interdisziplinäre Diagnostik an.